Das Berliner Mietshaus aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg zählt zu den dauerhaftesten, anpassungsfähigsten und städtebaulich überzeugendsten Stadthaustypen Europas – und ist dennoch als Vorbild in der zeitgenössischen Städtebaupraxis nahezu verschwunden. Das vom Architekten- und Ingenieurverein zu Berlin-Brandenburg (AIV) und seinem früheren Vorsitzenden, dem Architekten Tobias Nöfer, herausgegebene Buch präsentiert seine städtebaulichen, architektonischen, ökologischen und sozialen Qualitäten und fragt, weshalb dieser über Generationen bewährte Wohn- und Bautypus heute kaum noch als Vorbild dient.
Das Berliner Mietshaus steht für eine Bauweise, die Dauerhaftigkeit, Anpassungsfähigkeit und urbane Qualität miteinander verbindet: robuste Konstruktion, flexible Grundrisse und die Fähigkeit, unterschiedlichste Nutzungen über Generationen hinweg aufzunehmen. Tobias Nöfer betont: „Gerade unter den heutigen Anforderungen an Verdichtung, Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung gewinnt dieser Bautyp neue Aktualität. Die im 19. Jahrhundert entwickelten Häuser zeigen, wie sich weitsichtige Investitionen durch lange Lebensdauer, Reparaturfähigkeit und kontinuierliche Anpassung rechtfertigen lassen. Sie verbinden serielles Bauen mit architektonischer Individualität und schaffen zugleich jene urbane Dichte, die eine funktionierende Stadt ausmacht. Dieses Vorbild gilt es auf heutige Bauweisen zu übertragen, um mit vergleichbarer Effizienz und mit ebenso beschränkten Mitteln dennoch schöne Stadt zu bauen.“
Die rund 100 Fotografien von Maximilian Meisse werfen einen neuen Blick auf herausragende Beispiele des Mietshauses in Berlin – in Friedenau und Charlottenburg ebenso wie am Prenzlauer Berg oder in Treptow. In Essays und Aufsätzen namhafter Autorinnen und Autoren wird das Berliner Mietshaus als Baustein für resiliente und zugleich schöne Stadtquartiere dargestellt. Ausgehend vom „Bebauungsplan der Umgebungen Berlins“ (1862) von James Hobrecht skizzieren Wolfgang Sonne und Marianne Kayser eine Geschichte des Berliner Mietshauses und ordnen diesen Bau- und Wohntyp in die europäische Stadtgeschichte des 19. Jahrhunderts ein. Jan Herres stellt die flexiblen Grundrisstypen des Mietshauses vor und zeigt deren Potenzial für aktuelle Anforderungen an das städtische Haus. Wilko Potgeter beschreibt die vorherrschende Konstruktion des gründerzeitlichen Mietshauses und leitet aus wesentlichen Konstruktionsprinzipien eine Vorbildhaftigkeit für heutige Bauweisen ab. Michael Heinrich untersucht die architektonischen Instrumente der Fassadengestaltung und deren Einfluss auf Wahrnehmung und ästhetische Empfindungen. Und Tobias Nöfer schließlich erläutert, warum es in Berlin wie in anderen europäischen Städten auch aus politischer Perspektive an der Zeit ist, den parzellierten Städtebau mit seinen Straßen, Plätzen und Wohngebäuden wieder als Vorbild für neue Entwicklungen zu nehmen.
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